Redebeitrag: Für eine neue Normalität!

Folgenden Rebeitrag haben wir am 8. Juni bei der Kundgebung „Wer zahlt die Zeche? Für eine neue Normalität nach Corona“ gehalten. Die Kundgebung sollte echte Kritik und reale Alternativenauf die Straße bringen – statt Verschwörungsgeschwurbel und rechte Ideologien.

Wir wollen mehr als schlafen, essen, pauken und shoppen – Jugendarbeit in Zeiten von Corona

Erinnert ihr euch an euren Sommer mit 14, 15, 16? Draußen sitzen, Freund*innen treffen, die volle Dröhnung Gefühle? Die volle Dröhnung „erstes Mal“? Erster Kuss, erstes Bier, erste Tüte, erstes Festival, erstes Mal durchmachen, erstes Mal mit Freund*innen am Strand pennen, erstes Mal mit der Clique nach Berlin? 
Alles das erleben zu können ist für viele Jugendliche in MV derzeit nicht selbstverständlich.
„Das Jahr 2020 wird richtig scheiße, alles worauf ich mich gefreut hab, wurde abgesagt“, sagte kürzlich eine Freundin aus dem Verband. 
Corona stellt uns Kinder und Jugendliche vor besondere Herausforderungen. Wir haben weit weniger Spielraum als Erwachsene, selbst zu bestimmen, wie wir auf die Eindämmungsmaßnahmen reagieren. 
Ich spreche für die Falken Mecklenburg-Vorpommern, einen linken Jugendverband, der auf Selbstverwaltung und Teilhabe der Jugendlichen setzt. Die folgenden Punkte haben zwar Erwachsene am Büroschreibtisch geschrieben, gesammelt haben sie aber wir Jugendliche. 
Einsamkeit und soziale Ungleichheit
MV – Flächenland: Viele der Jugendlichen, mit denen wir in Kontakt sind, leben in kleinen Dörfern. Nicht mehr zur Schule zu gehen, bedeutet einen großen Teil der Lebenszeit nun dort zu verbringen. Darin liegen ganz praktische Probleme: Schlechtes Internet zum Beispiel. Daraus entsteht aber auf schmerzhafte Weise auch automatisch „Social Distance“, soziale Distanz in der eigentlichen Wortbedeutung: Ausflüge in größere Städte werden seltener, man sieht weniger Freund*innen, die Langeweile wächst. Distanz zu halten mag im Flächenland einfacher sein, führt allerdings auch zu Einsamkeit.
In dieser Einsamkeit verstärken sich Effekte, die es in unserer Gesellschaft leider ohnehin gibt. Beispielsweise ungleiche Chancen: Für manche Kinder bedeutete die Nachricht „Du darfst nicht mehr zur Schule“  Anfang März erstmal einen großen Schreck: Die Familie ist die Keimzelle des Staates, doch dort keimen auch Überlastung, Gewalt und Missbrauch. Dort keimt auch die soziale Ungleichheit: Manche Eltern haben nicht das Geld und nicht das nötige Wissen, um ihre Kinder zu Hause beim Lernen und den Schulaufgaben zu unterstützen. Der Unterricht zu Hause wird also zuallererst das Bildungserbe verstärken, das in Deutschland so wichtig für den Verlauf des Lebens ist wie kaum ein anderer Faktor. 
Völlig vergessen in der öffentlichen Debatte bleiben zudem bestimmte mehrfach belastete Gruppen von Jugendlichen. Kinder mit Behinderungen, Jugendliche in stationärer Versorgung, Geflüchtete Heranwachsende. 
Sie bleiben vergessen, weil die öffentliche Debatte sich derzeit stark danach richtet, wo die Eindämmungsmaßnahmen gegen Corona negative Folgen für „die Wirtschaft“, also die Unternehmen, haben werden. Wir sehen uns mit der verrückten Realität konfrontiert, dass wir als Jugendverband unsere Gruppenstunden theoretisch mit 20 Kids in einem H&M-Store abhalten könnten, nicht aber im dafür eingerichteten Jugendclub. Denn dort dürfen sich nur 10 Jugendliche gleichzeitig aufhalten. Teure Hotels in Heiligendamm öffnen wieder die Pforten, aber Jugendzentren bleiben weitgehend geschlossen.
Corona zeigt uns auf schmerzliche Weise, wo in unserer Gesellschaft Prioritäten liegen. 
Klarheit schaffen!
Es muss in einem ersten Schritt darum gehen diese Prioritäten zu überdenken. Wie kann es zB sein, dass in einem Bundesland, das von der ehemaligen Bundesfamilienministerin regiert wird, die Jugendverbandsarbeit im Corona-Solifond schlichtweg vergessen wurde? 
In einem zweiten Schritt müssen diese Prioritäten zu einem sinnvollen mittelfristigen Konzept umgearbeitet werden. Auch wir Kinder und Jugendliche wollen Planungssicherheit. Und wir wollen sinnvolle Maßnahmen sehen. 
  • Es geht nicht, dass wir von einen Tag auf den nächsten erfahren, ob wir morgen zur Schule müssen oder ob wir eine Klausur schreiben.
  • Es ist schlichtweg niemandem zu erklären, warum zB in Wismar die 10. Klasse an Schule A zweimal pro Woche in den Unterricht muss, an Schule B aber nur einen Tag alle zwei Wochen.
  • Es kann nicht sein, dass unklar ist, ob in den Sommerferien Feriencamps stattfinden können oder nicht und wie die Finanzierung der Jugendverbände in den kommenden Jahren aussehen wird.
  • Es macht keinen Sinn, dass über Wochen rechte Schwurbler und Verschwörungsideologinnen ohne Maske und dicht an dicht durch MVs Innenstädte laufen dürfen, andere Demos aber aus Verantwortungsbewusstsein abgesagt werden, zB die Christopher Street Days in MV. Die CSDs sind wichtige, erleichternde und empowernde Events für junge LGBTIQ*, die täglich mit Ausgrenzung und Diskriminierung konfrontiert sind.
Derzeit ist klar: Die Gesellschaft ist bereit ein gewisses Ansteckungsrisiko und eine gewisse Anzahl Corona-Toter in Kauf zu nehmen, um das soziale Leben wieder möglich zu machen. Mittelfristig planen bedeutet sich überlegen: Im Rahmen welcher sozialen Kontakte nehmen wir das Risiko in Kauf?
Ganz schnell war die Landesregierung dabei zu sagen, dass es ok ist, das Risiko beim Shopping und im Urlaub einzugehen. Wir sagen: Hier liegt nicht die Zukunft. Es mag kitschig klingen, aber die Zukunft liegt bei uns Kindern und Jugendlichen. Wir werden es sein, die mit den Folgen der Krisen in Zukunft weiterleben müssen.
Wir stecken bereits in den Anfängen einer gepfefferten Wirtschaftskrise. Damit werden Jobverluste, gekündigte Ausbildungverträge, wachsende Gewalt und ein weiterer Rechtsruck einhergehen. Es ist logisch und sinnvoll darauf zu reagieren. 
Diese Wirtschaftskrise droht uns aber nicht nur wegen Corona. Sie droht uns, weil seit Jahrzehnten der Sozialstaat abgebaut wird und diese Welt und der weltweite Handel auf Profitinteressen ausgerichtet sind. Dieser Krise können wir nur damit begegnen, im Alltag echte Formen der Solidarität zu entwickeln und diese auch politisch festzuzurren. Das muss sich auch in der Bildungs- und Verbandsarbeit mit Jugendlichen widerspiegeln.
Solidarisch und kreativ gegen Corona
Für uns Falken als Jugendverband bedeutet Corona einige Herauforderungen. Wir müssen in ständigem Kontakt mit Jugendlichen herausfinden, was sie jetzt brauchen. Wir müssen einen verantwortungsvollen Umgang mit der Pandemie als Element der Jugendbildungsarbeit etablieren. Wir müssen mit Kids über die Folgen der Pandemie und der Wirtschaftskrise sprechen. Wir müssen Themen finden und besprechen, die über Corona hinausgehen, denn wir Menschen sind mehr als virenbelastete Organismen. 
Wir dürfen aber auch nicht vergessen, Jugendliche zu ermutigen kreative Strategien im Umgang mit Corona zu pflegen. Wir haben uns gefreut, dass Bus und Bahn ohne Ticketkontrollen viele selbstorganisierte Tagesauflüge möglich gemacht haben. Wir finden es stark, dass Fridays For Future neue Aktionformen ausprobiert, zB online oder mit einem Schilderwald am Kröpi Tor. Wir bedanken uns herzlichst bei den 10 Kids, mit denen wir am Himmelfahrtswochenende ein erstes kleines corona-fähiges Feriencamp auf die Beine gestellt haben! Wir sind gespannt auf die solidarische soziale Bewegung, die die nötige Antwort auf die kommende Krise sein wird.
Wir Kinder und Jugendliche merken, was gerade falsch läuft. Wir haben es vor Corona gemerkt und werden es danach merken. Corona macht uns allen die Systemfehler deutlicher und hier liegt unsere Chance für Veränderung. 

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